Berlin - Stadt der Lücken

In den letzten zwanzig Jahren wurde Berlin durch diverse Lücken definiert, Diese Lücken boten einzigartige Konditionen für die Experimente mit denen sich dieser Blog beschäftigt. Undefiniert und zwischendrin haben die Lücken die perfekten Bedingungen geschaffen für eine 'Locally Grown City'.

Flughafen gap Als ich 1992 das erste Mal nach Berlin kam, war ich fasziniert von der geteilten Stadt. Die Stadtoberen hatten schon damit begonnen, die offene Schneise zwischen den zwei Hälften unsichtbar zu machen. Auf meinem ersten Stadtplan markierte ich eine dicke rote Linie mit Filzstift und begann den Raum zwischen den zwei Staaten zu erforschen.

Die räumlichen Lücken waren offensichtlich, aber diese leeren Räume waren nur ein Ausdruck von den vielen Brüchen und Unterbrechungen, die der eiserne Vorhang verursacht hat. Berlin musste aber auch zahlreiche unsichtbare soziale, kulturelle, ökonomische und technische Lücken überbrücken, während die eine Weltordnung sich in die andere auflöste. Als die Mauer 1989 fiel, hat das seltene Zusammenspiel dieser physischen und sozioökonomischen Frakturen ideale Bedingungen geschaffen für die Experimente, die Berlin seither auf der internationalen Bühne definiert haben.

Auguststr gap 1997 Dieser Artikel untersucht die wichtigsten Lücken und ihren Einfluss auf Berlin's Stadtentwicklung.

Physische Lücken

Jeder, der in den Neunzigern ein oder zwei Tage in Berlin verbracht hat, muss von den Lücken, die die Stadtstruktur definiert haben beeindruckt gewesen sein. Das Spektrum war gewaltig. Ganze Gebäude, die auseinander fielen, überwachsene ausgebombte Grundstücke, runtergekommene Fabriken und undichte Garagen, wohin das Auge blickte.

Durch die Mitte des Ganzen verlief der leere Streifen, den die Mauer selbst zurück gelassen hatte.

Die Regierung entschied sich, die Stadt wieder auf den Fussabdruck der Strassen und Gebäude zurück zu bauen, den Berlin vor hundert Jahren hatte. Nach zwei Weltkriegen, zwei Diktaturen und vierzig Jahren Isolation, wollten die Berliner ihre gemeinsame Zukunft auf einem nostalgischen Image frei von allen schmerzlichen Erinnerungen gründen.

Als Ausländer konnte ich nicht verstehen, warum die Berliner genau den Raum, der sie in den Augen der ganzen Welt so einzigartig macht ausradieren wollten. Oft beobachtete ich verwirrte Touristen, die mit dem Stadtplan in der Hand auf der Suche nach der Mauer zwischen den Bürotürmen, die nun auf dem ehemaligen Todesstreifen stehen, herum irrten.

Wie ein sich langsam erholender Traumapatient, fing die Stadt erst fünfzehn Jahre später damit an, ihr Leiden anzuerkennen. Zu dieser Zeit waren viele physische Lücken schon wieder bebaut. Erst im April 2005 wurde ein Konzept präsentiert, das vorsah, den letzten zusammenhängenden wichtigen 800 m langen Mauerstreifen im Zentrum der Stadt, entlang der Bernauer Strasse, als Gedenkstätte zu erhalten.

Eigentums-Lücke

1992 begann die Regierung die komplizierte Serie von unrechtmäßigen Enteignungen, die von den Nazis angefangen und von dem kommunistischen Regime weitergeführt wurden, zu entwirren.

Während Eigentumsansprüche geklärt wurden, waren die treuhänderischen Hausverwaltungen angewiesen nur die nötigsten Instandhaltungsarbeiten auszuführen und die leerstehenden Einheiten zu vermieten. Sie hatten keinerlei Anreiz oder Anweisungen die Profite zu maximieren, da alle eingenommenen Gewinne bis zur Klärung der Eigentumsverhältnisse für die rechtmäßigen Eigentümer zurück gelegt werden mussten. Diese Eigentums-Lücke gab den Zuständigen in den Hausverwaltungen beispiellose Freiheit in der Wahl ihrer Mieter. In Berlin Mitte, war Jutta Weisz für die Vermietung der leerstehenden Läden verantwortlich. Sie unterstützte kulturelle Initiativen aller Art bei ihrer Suche nach geeigneten Räumen. Sie war eine der wichtigsten Personen hinter den Aktivitäten, die Berlin-Mitte in den 90-er Jahren definierten. Als wir 1997 den experimentellen Raum 'Urbanissue' gründeten, war sie es, die uns den Mietvertrag verschaffte.

urban issue installation Während der Zeit der Eigentums-Lücken, wurden die Leerstände von Leuten gemanagt, die ungewöhnliche Prioritäten setzten. Sie versuchten nicht die Mietgewinne zu maximieren, sondern sie wollten, dass die Räume genutzt werden. Die Gebäude waren alle komplett herunter gekommen. Oft fehlten so anderorts selbstverständliche Annehmlichkeiten wie Heizung und fliessendes Wasser. Aus diesen Gründen waren die extrem niederigen Mieten vollkommen berechtigt. Die Rückübertragungsgesetze verhinderten langfristige Mietverträge und Investitionen in Verbesserungen, so dass die Vermietung an lukrative Mieter ausgeschlossen war.

Dies ist ein ungewöhnliches Beispiel dafür, wie besondere Prästrukturen die übliche Logik des freien Marktes umgehen. Diese Situation war weder geplant, noch wurde sie während ihres Entstehens als wichtige Stadtentwicklungsstrategie gesehen.

Diese Prästrukturen hatten jedoch einen herausragenden Einfluss auf Berlin, da sie Projekten genau den nötigen Rahmen gaben, der sie in der schwierigen Entwicklungsphase unterstützte. Nicht irgendein Raum, sondern erstklassige Lagen mitten im Zentrum. Diese Art von unbeabsichtigter Unterstützung ist seither selten geworden in Berlin, aber sie hat einen Schub von Energie freigesetzt, die immer noch in der ganzen Stadt nachwirkt.

Investitions-Lücke

Die Investitions-Lücke streckte sich zwischen zwei Bau-Booms über sieben Jahre (1998 – 2005) und gab lokalen Projekten genau den Raum, den sie zum experimentieren benötigten und um sich zu entfalten und zu wachsen.

Diese Phase begann, nachdem der Wiedervereinigungs-Boom endete und bevor internationale Interessen in Berlin sprunghaft in die Höhe schnellten. Diese sieben Jahre währende Lücke, war vielleicht die fruchtbarste Periode für die Locally Grown City.

Holz Stapel gap 1992 bis 1997 begünstigten euphorischer Optimismus und enorme Steuerabschreibungsmöglichkeiten den kurzlebigen Bau-Boom. Junge Architekten aus der ganzen Welt kamen in Scharen, um das Geld, das aus der ganzen Republik nach Berlin floss, in Büro- und Wohngebäude zu verwandeln, die dann jahrelang leerstanden. Die Investoren glaubten die Vision von Berlin als neuer 'Weltstadt' nur zu gerne, um Steuern zu sparen. Alle erwarteten, dass Berlin sofort rasant expandieren würde und schon bald in einem Atemzug mit Paris und London genannt werden würde. Der Schock und die Pleiten folgten schnell, als Berlin stattdessen zu schrumpfen begann und die Mieten immer tiefer sanken.

Investitionen in Berlin setzten erst wieder ab Mitte der nächsten Dekade ein, als Berlin endlich in die Liste der Städte aufrutschte, in denen alle globalen Nomaden mit Selbstrespekt Apartments besitzen.

Während dieser Investitions-Lücke wurde Berlin komplett ignoriert. Für einige Jahre war Berlin mit einem Überangebot von billigem Raum gesegnet, der zum Labor für eine Generation von urbanen Pionieren wurden, deren Projekte Berlin neu definierten.

Soziale Lücke

Die zwei deutschen Staaten haben zwei verschiedene Gesellschaften hervorgebracht. Vierzig Jahre lang haben sich Werte, Gesetze und Konventionen auseinander entwickelt und haben so eine Reihe diverser sozialer Lücken erzeugt. Nach der Wiedervereinigung liess die Euphorie nach und die Spannungen wuchsen. Als alle Deutschen anfingen die sozioökonomischen Belastungen zu spüren, drückten sie ihre Frustrationen in spaltender Rhetorik über Ossis und Wessis aus.

Sozialer gap Wessis glaubten die finanzielle Last des Aufbaus Ost zu tragen, während die Ossis sich auf der Verliererseite der Fusion sahen, als sie von Vollbeschäftigung in Arbeitslosenraten von 20% rutschten.

Ossis sahen Wessis als Kapitalisten, deren höchster Wert die Maximierung ihrer Finanzen ist und die jeglichen Sinn für ein gemeinschaftliches Leben verloren haben. Die Wessis widerum dachten, dass die Ossis einfach faul sind.

Diese Stereotypen reflektieren die Lücken, die die soziale Ordnung nach 1989 durchdrangen. Die Stereotypen waren an den Rändern der Stadt stärker ausgeprägt als im Zentrum, wo sich die Leute den sozialen und legalen Konventionen, die hinter den Stereotypen standen weniger verpflichtet fühlten. Stadtverwaltungen und Bewohner drückten regelmäßig ein Auge zu, wenn es um Fragen wie die Einhaltung von Brandschutzregeln, die Verletzung von Schallschutzgrenzen oder die Nachweise von Restaurantlizenzen ging.

Dies gab vielen Start up Projekten die erforderliche Bewegungsfreiheit, um sich etablieren zu können. Clubs und Bars konnten in leerstehenden Kellerräumen ohne Lizenzen, ohne Rettungswege und ohne Sanitärausstattung starten. Heute operieren dieselben Unternehmen in sanierten Industriebrachen, die alle geforderten Standards und Normen erfüllen. Eine Parade, die als private Geburtstagsparty begann entwickelte sich in kürzester Zeit zu einem internationalen Event mit eineinhalb Millionen Teilnehmern. Leute besetzten Häuser, die zu etablierten Kulturzentren wurden. Flohmärkte, die auf Brachen entstanden, sind heute in jedem Touristenführer verzeichnet.

Berlin's soziale Lücken erlaubten es den Start-ups sich auf die für ihre Mission wesentlichen Aspekte ihrer Projekte zu konzentrieren. Sie mussten ihre mageren Ressourcen nicht aufteilen, um eine gewissenhafte legale Konformität zu verfolgen.

Kommunikations-Lücke

Hof in Ost-Berlin 1996 Nach der Wende war die ostdeutsche Infrastruktur in einem erbärmlichen Zustand. Alles fiel auseinander. Ein Beispiel war das Telefonsystem. Anfang der Neunziger Jahre gab es fast keine Telefonanschlüsse in Berlin Mitte und das gesamte Netz war dermassen untauglich, dass es komplett erneuert werden musste. Erst 1996 bekamen die Bewohner von Mitte Telefonanschlüsse.

Um diese Kommunikations-Lücke zu überwinden, mussten sich die Leute persönlich treffen. Diese schwerwiegende Einschränkung ist heute im Zeitalter sofortiger globaler Erreichbarkeit unvorstellbar, aber es zwang die Leute sich auf ihr Umfeld zu konzentrieren. Um mit jemandem zu reden, musste man sich besuchen. Wenn jemand nicht zu hause war hinterliess man einen Zettel an der Wohnungstür. An allen Wohnungstüren waren Notizblöcke befestigt. Die Gebäude waren nicht verschlossen. Man konnte überall hinein gehen.

Für einige Jahre unterstrich diese primitive Form der Kommunikation das besondere Lebensgefühl im Osten Berlins und trug zu der experimentellen Atmosphäre einer Stadt bei, die offen für neue Ideen ist. Es half eine eng zusammen geschweißte Gemeinschaft zu bilden, in der die Leute sehr enge Beziehungen zu ihren lokalen Arbeits- und Wohnräumen hatten.

Lücken-Lücke

Berlin's Lücken sind nun verschwunden, das leere Zentrum ist aufgefüllt worden. Leute, die Berlin's legendäre experimentelle Atmosphäre suchen, müssen weiter an den Rändern suchen. Der 'Lücken'- Engpass hat begonnen und mit ihm eine neue Phase von Berlin's Evolution.

Menetekel

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