Lokal angebaute Stadt

Spezifität als urbaner Katalysator

Die Globalisation schleift an der Substanz unserer Städte und transformiert sie zu schlechten Kopien von einander.

Unser Berliner Büro untersucht neue Strategien für kleinteilige städtische Projektentwicklungen, um mehr Leute zu ermutigen aktiv an dem Bau ihrer Stadt mitzuwirken.

Wir glauben, dass es die ganz speziellen lokalen Aspekte sind, die die Menschen in Städte zieht, um in ihnen zu wohnen oder sie zu besuchen. Global wirkende Entwicklungsgesellschaften, die überall die gleichen anonymen Kisten bauen, bedrohen das Lebenselixier, das unsere Städte ausmacht – ihre Identität.

In einer Zeit, in der mehr und mehr Menschen bemüht sind, lokal angebaute Lebensmittel zu essen, ist es an der Zeit, lokal (an)gebaute Städte zu unterstützen, zu fordern und aktiv mit zu gestalten. Das Städte lokal gebaut werden ist seit längerem keine offensichtliche Tatsache mehr, sondern dies ist ein radikales Statement gegen die Vorherrschaft globaler Firmen und globaler kultureller Interessen und ein erfrischender Schritt zur Verbesserung unserer städtischen Ökonomien.

D.I.Y. (Do It Yourself) und wie alles anders sein kann als Du denkst

SlenderBender

In diesem modernen Zeitalter der Professionalisierung sind die Prästrukturen, die unseren Beruf definieren zu einem engen Korsett geworden, das den Beruf zur Fassadendekoration reduziert.

Wir sehen D.I.Y (Do It Yourself) als die Alternative, die Vorhut des Experiments, weil es Architekten Werkzeuge zur Ausweitung ihrer Aktionsradien gibt.

In unserem Architekturbüro haben wir auf vielen Gebieten experimentiert. Wir haben eine Galerie gegründet, die zum Veranstaltungsort unserer ersten Experimente wurde. Später sind wir zu Software Entwicklern geworden, um neue Ansätze der Stadtentwicklung auszuprobieren. Um unser erstes Gebäude zu bauen, wurden wir zu Grundstücksinvestoren und - entwicklern. Seither sind wir zu Aktivisten geworden, die Berliner Politiker motivieren, mit zeitgemäßen Methoden und Ideen die Stadtentwicklungsplanung den aktuellen Anforderungen anzupassen.

Mithilfe dieser 'Aussenseiterrollen' führen wir neue Ansätze in unseren Kernberuf ein, um unseren Einflussbereich auszuweiten. Als Grundstücksentwickler haben wir z.B. ein neues ökonomisches Modell entworfen, das es uns erlaubt hat, unsere Vorstellung von Architektur kompromisslos zu realisieren. Die Architektur hat in diesem Fall die Ökonomie bestimmt und nicht, wie es sonst üblich ist, umgekehrt, die Ökonomie die Architektur.

Entwickele die Stadt — Entwickele Dich Selbst

SlenderBender

Bis vor nicht allzu langer Zeit, wurden Städte in der Regel von vielen Einzelpersonen geformt. Die Gebäude, die diese Einzelpersonen gebaut haben, reflektierten ihre persönlichen Werte und Ziele, da sie als die Besitzer direkt mit dem Gebäude assoziiert wurden.

Folglich sind die Städte aus einem lokalen gesellschaftlichen Kontext heraus entstanden, der sich direkt in dem gebauten Umfeld ausdrückte.

Unser Kontext ist Berlin. Die meisten spannenden Bauprojekte der letzten Dekade wurden in Berlin nicht von Großunternehmen gebaut, sondern von Einzelpersonen oder Baugruppen, die ihre ganz persönliche Vision vom Leben in dieser dynamischen Stadt gebaut haben. D.I.Y. ist eine immense Herausforderung, die den Horizont auf vielen verschiedenen Ebenen erweitert. Die Kosten unserer kreativen Freiheit waren ein nicht unerhebliches Risiko einzugehen, das sich in schlaflosen Nächten messen läßt.

Wie der Polier anmerkte, als er den Beton für unser erstes Gebäude goss: "Bauen ist das letzte große Abenteuer."

Je mehr Leute sich auf dieses Abenteuer einlassen, umso inspirierender, dynamischer und spezifischer werden unsere Städte. Es ist höchste Zeit, dass der Wert dieser Herangehensweise anerkannt wird und das Wege gefunden werden, damit die Stadtplanungspolitik 'Locally grown Cities' ermutigt.

Was ist eine 'Locally Grown City'?

Eine 'Locally Grown City' reagiert auf die spezifischen Bedürfnisse und Visionen von den Leuten die dort wohnen und arbeiten, weil sie von den Leuten und für die Leute gebaut ist.

Die 'Locally Grown City' Bewegung hat das Ziel, Stadtentwicklung wieder in die Hände von lokalen Akteuren zu legen, die ihre Städte kleinteiliger und daher vielfältiger und präziser bauen können.

Warum würden wir eine 'Locally Grown City' wollen?

'Locally Grown Cities' maximieren Graswurzel Innovationen, die aus der Kreativität und den Fähigkeiten Einzelner hervor gehen. Dies kann Städten in schwierigen Zeiten helfen, sich ökonomisch zu entwickeln. Die lokale Ökonomie wird so gestärkt und die Auslieferung gegenüber der globalen Unbeständigkeit wird reduziert.

'Locally Grown Cities' schaffen spezifischere Orte, die mit dem lokalen Gefüge stärker verwoben sind. Sie entwickeln ein Bollwerk gegen die Globalisierungsprozesse, die die Städte rund um den Globus zwingen sich immer ähnlicher zu werden.

Wo passiert das?

Locally Grown Cities gedeihen oft in Gegenden, die vom globalen Kapital gemieden wurden oder die in ökonomischen Schwierigkeiten stecken.

Unsere persönliche Erfahrung ist aus den Entwicklungen im Berlin der letzten zwei Dekaden hervor gegangen.

Wer macht das?

Bürgerinitiative Invalidenstrasse

Leute, die außerhalb der konventionellen gesellschaftlichen Strukturen arbeiten. Die meisten dieser Akteure sind in erster Linie an anderen Zielen als den Kapitalerträgen interessiert.

Der Aktionsradius verflechtet Grundstücksentwicklung mit kulturellem Unternehmertum, Business-Innovationen, politischem Engagement, ökologischem Realismus, alternativer Medizin und vielen anderen individuellen Visionen. Diese gegenseitige Befruchtung schafft einen kulturellen Wert für jedes Gebäude, der von jemandem, der nur an Kapitalerträgen interessiert ist, weder erkannt noch bemessen werden kann.

Wie wird es gemacht?

Wir möchten dazu ermutigen, sich aus den stummen Zuschauerreihen heraus zu bewegen und sich in jeder Art, die man sich zutraut zu beteiligen. Eine aktive Auseinandersetzung mit der Stadt bereichert jeden Lebensweg, sei es im Bereich der Bildung, kultureller Produktion, Business oder Dienstleistung.

Ein Gebäude kann nicht von seinem Innenleben getrennt werden. Die künstliche Spaltung, die große Investitionsstrukturen zwischen den Aktivitäten und der Hülle, in denen diese Aktivitäten stattfinden, kreieren, muss überwunden werden. Die Vereinigung von Form und Funktion durch Architektur kann unseren Städten eine neue Dimension geben und durch die Ausweitung des Spektrums der Möglichkeiten, die urbane Mischung intensivieren.

Unsere eigenen Experimente

Unser Büro hat mit Strategien zur Ausführung und Ermutigung von 'Locally Grown Cities' experimentiert. Von theoretischen Experimenten bis hin zu ausgewachsenen Grundstückentwicklungsarbeiten, haben wir verschiedenste Wege ausprobiert.

Urban Issue (1997 — 1999)

Urban Issue: Eröffnung

1997 haben wir eine Gruppen Galerie als experimentellen Raum gegründet, dessen Fokus das Thema 'Stadt' war.

Der Raum basierte auf 'Zufall ohne Konsens'. Jedes Mitglied konnte die Ausstellungen und Events organisieren, die sie persönlich interessierten, sofern sie sich mit 'Urban Issues' auseinander setzten.

Deadline baute die spektakuläre Licht Installation 'NeoUrbanite' für die Eröffnungsnacht am 14. November 1997.

Die Galerie funktionierte einer Stadt ähnlich, als Raum, der die Leute einbezieht und dazu einlädt Aktivitäten innerhalb einer offenen Struktur zu kreieren. Die Leute definierten den Raum durch ihre Aktivitäten. Diese Identität oder dieser Ort beeinflusste eine ganze Generation junger Berliner Architekten. 'Urban Issue' war ein Treffpunkt und ein Raum zum experimentieren.

StadtBilding (1998)

Planung

Eines unserer Experimente in 'Urban Issue' war 'Stadtbilding'. Die Besucher/Teilnehmer des Experiments bauten in der Galerie eine 'Stadt' aus Bildern, die sie selbst mitbrachten.

Es gab keine Regeln, die die Konstruktion bestimmten. Das Ziel war, eine Stadt ohne hierarchische Strukturen zu bauen.

Während der Ausstellung wuchs die 'Stadt' über die gepixelten Wände der Galerie, jedes Pixel war ein A4 Blatt Papier. Die Besucher liessen die Stadt wachsen, indem sie eine von drei möglichen Arbeiten durchführten: Material für die Stadt abgeben (Bilder oder Objekte einscannen), die Stadt planen (den riesigen Imagefile im Computer verändern) oder die Stadt bauen (die frisch gedruckten Ergebnisse des 2. Arbeitsschrittes an den Wänden anordnen).

Die Leute reagierten unterschiedlich auf den bestehenden Kontext. Einige waren bemüht die Entwicklung der Stadt als Ganzes bei ihren Interventionen im Auge zu behalten, andere machten einfach 'ihr Ding'. Die Konstruktionsäktivitäten wurden zu einem sozialen Event bis hin zu der spontanen Entscheidung eines Teilnehmers, seine Geburtstagsparty mittendrin zu veranstalten.

Templace.com (1999 — 2003)

Templace.com war als ein Websystem konzipert, das wir als den tragenden Eckpunkt des Urban Catalysts Forschungsprojekts entwickelt haben. Das Ziel war, temporäre Nutzung als eine weitere Alternative zu konventionellen Stadtentwicklungsmethoden zu etablieren.

Templace.com sollte eine Kommunikationsplattform für temporäre Nutzer, Hauseigentümer, Planer und Bezirksverwaltungen sein. Es war eine interaktive Webstruktur, auf der Management Werkzeuge und Informationsquellen zur praktischen Unterstützung und theoretischen Inspiration von und für alle Nutzer zur Verfügung gestellt werden konnten.

Es war der konkrete Versuch, mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, sich direkt an urbanen Entwicklungsprozessen zu beteiligen. Hierzu haben wir den technologischen Fortschritt genutzt, mit dem Ziel, die Art wie wir die Stadt nutzen zu verändern.

SlenderBender (1999 — 2004)

SlenderBender

Um SlenderBender zu bauen, sind wir über die Rolle der Architekten hinausgewachsen und zu Entwicklern geworden.

In Personalunion von Architekten und Kunden konnten wir das Projekt präziser und durchgängiger fokussieren, als es in einer konventionellen Architekten-Kunden Beziehung normalerweise möglich ist. Es bedeutete, dass wir das verbreitete Problem umgehen konnten, gute Architektur der Finanzplanung des Kunden zu opfern. Auch wir konnten die finanziellen und rechtlichen Begrenzungen, die uns auferlegt waren nicht ignorieren. Wir weigerten uns allerdings, diese Begrenzungen unsere Entscheidungen in Punkten dominieren zu lassen, die unser Ziel ein architektonisch herausragendes Gebäude zu bauen, untergraben hätten.

In den darauffolgenden Jahren haben viele andere Architekten in Berlin diesen Schritt getan, um die kreative Kontrolle über ihre Arbeit zurück zu gewinnen. Die Ergebnisse sind ermutigend und sie haben der lokalen Stadtlandschaft eine neue Dimension hinzugefügt.

Bürgerinitiative Invalidenstrasse (2004 — 201?)

Bürgerinitiative Invalidenstrasse

Leute erfahren Stadt von der Strasse aus. Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Auto oder bei der Fahrt mit der Tram, das Design einer Strasse hat eine enorme Auswirkung auf unser tägliches Leben. Warum sind Architekten nicht an dem Design der Strassen beteiligt?

Als Berlin 2004 mit den formalen Vorbereitungen begann, die Invalidenstrasse von einer zweispurigen in eine vierspurige Strasse umzubauen, erkannten wir, dass Berlin nicht die progressive Stadt ist, die sie vorgibt zu sein.

Um für die vier Spuren Raum zu schaffen, planten sie einen Fußgängerweg abzuschaffen, einen denkmalgeschützten Garten zu zerstören und die Tram sollte sich die Spuren mit den Autos teilen. Es gab keinerlei Planungen für Fahrradspuren. Der Plan sah vor, den Verkehr auf 40.000 Autos pro Tag zu verdreifachen, ohne Berücksichtigung der anderen Verkehrsmittel, die 69% von Berlin's Modalsplit ausmachen.

Weil die Invalidenstrasse parallel zu unserem Gebäude verläuft und ich täglich dort entlang laufe, konnte ich nicht tatenlos mitansehen, wie die einzigartigen Qualitäten dieser Strasse im Namen motorisierter Effektivität geopfert wird.

Die Planung schien direkt einem 70er Jahre Handbuch zur Verkehrsplanung zu entspringen. Sie strebte in keiner Weise die zarte Balance zwischen den vielen verschiedenen Nutzern dieser Strasse an, die mit drei wichtigen Museen, Universitäten und Regierungsgebäuden gesegnet ist.

Bürgerinitiative Invalidenstrasse

Mit einigen Nachbarn bildeten wir eine Initiative, um für eine nachhaltigere Planung zu kämpfen. Wir erarbeiteten mit lokalen Politikern und Denkmalschutzgruppen einen besser ausbalancierten Vorschlag. Unsere Hauptforderung war, getrennte Spuren für Fahrräder, Fußgänger, Autos und die Tram zu bauen.

In Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Verkehrsplanern, gelang es uns einen Plan zu entwicklen, der genauso vielen Autos Durchkommen gewährte, wie der alte Plan, ohne jedoch das städtische Gefüge zu zerstören.

Unglücklicherweise weigerte sich die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reiher mit uns zu verhandeln, stattdessen verfolgte sie einen langwierigen und kostspieligen Rechtsstreit.

Obwohl wir erfolgreich Fahrradspuren durchgesetzt haben, den Fußweg und einige Bäume gerettet haben, besteht die Stadt nach wie vor darauf, dass die Tram sich die Spuren mit den Autos teilt.

Obwohl wir den Plan weiterhin im Gerichtssaal bekämpfen, hat die Stadt mit den Bauarbeiten im Mai 2011, sechs Jahre später als ursprünglich geplant, begonnen.

Team11

Team11 collage

“Wir reden über Grund und Boden weil wir darum gekämpft haben&lrquo; -- Britta Jürgens.

Als Teil einer Gruppe von engagierten jungen Berliner Architekten sind wir politisch aktiv geworden, um neue Strategien zu finden, die geeignet sind, die lauernde Berliner Wohnungsnot zu überwinden.

Berlin hat das Problem von fehlenden günstigen Sozialwohnungen seit dem Auslaufen der letzten Förderprogramme 1997 einfach ignoriert. 2003 wurde beschlossen, alle Förderungen von privaten Verträgen für bestehende Sozialwohnungen, die nicht Eigentum der Stadt sind, zu streichen.

Aktuell arbeiten wir zusammen mit lokalen Politikern daran, neue Entwicklungsmodelle zu entwerfen und hoffentlich bald auszuprobieren.

Locally Grown City

Wir sehen unser Büro als ein vielfältiges Aktionsfeld das sich um Stadt dreht. Unser eigenes 'Tun' testet den Boden, um auf neuen Wegen die urbane und soziale Struktur zu beeinflussen, die unsere Städte bewegt.

Wir möchten mit unseren Aktionsbeispielen ermutigen sich einzumischen, damit Städte beginnen lokalere, bedeutungsvollere Orte zu werden.


Basierend auf einem Vortrag, den Matthew Griffin in Wien an der Technischen Universität, am 20.05.2011 gehalten hat.

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