Historisierend zu bauen ist nicht harmlos sondern armselig!

Architektur muss als Kunst natürlich immer zeitgemäß sein. In Berlin sind wir aktuell mit einem aggressiven Aufleben der auf seltsamste Weise historisierenden Lochfassadenfraktion konfrontiert. Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen ‘Bürgerwille’ und Architekten, die diesen uninformierten Bürgerwillen ausnutzen und sich aus unlauteren Motiven zu deren Sprecher machen.

Disney Land in Downtown Dresden Grundsätzlich gilt: Nein, historisierend zu bauen ist nicht harmlos sondern armselig im ursprünglichen Sinne des Wortes: arm an Seele. Es degradiert die Architektur von der Kunst zum gefälligen Dekorieren mit Altbekanntem. Es ist komplett kraftlos. Es ist ein Eingeständnis der Angst vor der Zukunft, der Einfallslosigkeit, der Faulheit und Unfähigkeit adäquate Lösungen für aktuelle Probleme zu finden. Es ist Ausdruck passiver Opferhaltung. Es ist die Verweigerung mutiger und aktiver Adaption an sich ständig verändernde Bedingungen.

So könnte man wohlwollend und entschuldigend argumentieren und dies gilt für diejenigen, die sich des Unterschieds zwischen Architektur und historisierenden Gebäuden nicht bewusst sind. Die informierten Architektenkollegen, die sich der Verbreitung des historisierenden Heilsversprechens andienen, sind aber alles andere als Opfer. Sie sind geschickte Spieler im Gerangel um das große und schnelle Geld.

Was jeder schon kennt muss nicht erläutert werden. Anhänger für die Mission müssen nicht überzeugt werden. Sie sind schon da und man muss ihnen nur liefern, was sie bestellen. Kostenposten für Entwicklungsarbeit entfallen. Nichts muss erfunden, nichts muss entworfen werden. Es bedarf keinerlei Trial & Error Prozesse, die Qual zeitgemäße Lösungen für aktuelle Probleme und dann auch noch den Ausdruck der Zeit zu finden, erspart man sich ökonomischerweise von vornherein. Einige Praktikanten schöpfen mit einigen Klicks aus dem reichen Fundus der Geschichte - ein ganz klein wenig Anpassungsarbeit an die aktuellen Bedingungen - fertig!

Berlin's Palace of the Republic being torn down Das eigentliche Problem ist nicht der uninformierte Bürgerwille sondern die charismatischen Architekten, die ihren Berufsstand verraten und sich aus schierer Geldgier zu deren Sprechern machen. Flugs verfassen sie einige intelligent wirkende Theorien, die das Ganze erstaunlicherweise auch dem gebildeteren Publikum, ja sogar den Experten überzeugend zu verkaufen vermögen.

Zum Glück gibt es Kollegen die sich zunehmend den unseligen Wettbewerbsstrukturen entziehen. Sie überlassen das Feld weder Vertretern von Bürgern, die verklärt träumen noch Investmentfonds, die reine Profitinteressen verfolgen. Sie machen sich von den veralteten Berufsstrukturen unabhängig und fangen an, kooperative Strukturen aufzubauen, um gemeinsam ganzheitliche Lösungen für die tatsächlichen städtebaulichen Probleme unserer Zeit zu finden.


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  • Annette de Grandis

    The cult of historicism in modern planning and in the idea of preservation of the past as a glory in itself is stifling to creativity and progress - innovative design and materials, green technology, buildings allowed to be transient and replaceable coupled with a move away from construction as a financial profit machine would transform the quality of life of the people - who are much less hooked on historicism than planners and developers would have us believe. In UK the examples of some failed urban experiments are used to justify a retreat to the past but the true failure of these experiments was not in the concept but in execution.

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